Mittwoch, 6. August 2014

Literarische Fundstücke (5)

An einer meiner Laufstrecken wohnt eine gut genährte Katze, von der ich mir einbilde, daß sie mir ab und zu die Zunge herausstreckt während ich an ihr vorbeikeuche. Als ich sie vorgestern traf, hatte ich das Gefühl, sie würde mich hämisch angrinsen, als ich versuchte, elegant meine Geschwindigkeit zu erhöhen. Eine Grinsekatze also. Woher kannte ich das bloß? Richtig:

Die beiden einzigen Wesen in der Küche, die nicht niesten, waren die Köchin und eine große Katze, die vor dem Herde saß und grinste, sodaß die Mundwinkel bis an die Ohren reichten.

»Wollen Sie mir gütigst sagen,« fragte Alice etwas furchtsam, denn sie wußte nicht recht, ob es sich für sie schicke zuerst zu sprechen, »warum Ihre Katze so grinst?«

»Es ist eine Grinse-Katze,« sagte die Herzogin, »darum! Ferkel!«

Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, daß Alice auffuhr; aber den nächsten Augenblick sah sie, daß es dem Wickelkinde galt, nicht ihr; sie faßte also Muth und redete weiter: —

»Ich wußte nicht, daß Katzen manchmal grinsen; ja ich wußte nicht, daß Katzen überhaupt grinsen können

»Sie können es alle,« sagte die Herzogin, »und die meisten thun es.«

»Ich kenne keine, die es thut,« sagte Alice sehr höflich, da sie ganz froh war, eine Unterhaltung angeknüpft haben.

»Du kennst noch nicht viel,« sagte die Herzogin, »und das ist die Wahrheit.«


Mittwoch, 28. Mai 2014

Brainf*** (1) - Harald Glööckler, Max Planck

Aus gegebenem Anlaß dachte ich heute darüber nach, ob Harald Glööckler ("Pompöös!") ein Joint-Venture mit Adidas gründen könnte, um Sportkleidung als "Volumenmodelle" zu produzieren. Die Firma könnten die beiden Partner entsprechend Adipöös nennen.

*

Ein Freund und ich saßen bei einer launigen Runde im launigen SM-Studio (aka. "Kantine") eines launigen Unternehmens und frönten der physikalischen Diskussion. Im Rahmen dessen kam uns die Frage, ob der kleinste Abstand zwischen zwei Tönen nicht entsprechend der Planck-Ton sein müsste.


Wenn auch Sie das Konzept von Brainf*** genießen möchten,
mehr Informationen hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Brainfuck

Mehr zur Planck-Welt hier, allerdings unvollständig,
es fehlt der Planck-Ton: http://de.wikipedia.org/wiki/Planck-Einheiten

Samstag, 29. März 2014

"Ja, die Yogurette..."





Es fing vor ein paar Wochen an, wie immer, wenn es Frühjahr wird und die Temperaturen höher, die Tage länger werden. Es beginnt immer kaum merklich, vereinzelt. Zunächst. Im Verlauf des Jahres werden es mehr, bis es dann im Herbst wieder nachlässt. Dieses Jahr begann es an der Nidda, im Grüngürtel Frankfurts und es war während eines langen Laufs mit meinem Chef. Es kam von hinten. Keiner konnte damit rechnen. Bei Kilometer Zwölf. Oder Achtzehn. Oder Neun. Aber das spielt auch keine Rolle, denn es geht um die Heimtücke. Das Bösartige. Das "von hinten" den Dolch in das Ego Rammende. Das Problem, um das es hier geht, nenne ich "die Yogurette".
„Ja, die Yogurette, die schmeckt so himmlisch joghurt-leicht“
In der Regel trifft mich die Yogurette immer dann, wenn ich schwitzend-keuchend, Schweiss-stinkend-triefend und mit der Zunge am Boden durch die Hessische Landschaft schleiche. Es ist eigentlich egal, ob ich fertig wegen Intervalltrainings, Bergtrainings, Tempodauerlaufs oder am Ende eines langen Laufs bin - sie kann von allen Seiten kommen. Auch im Wettkampf. Die Yogurette kommt in Form von unverschämt entspannt aussehenden jungen Damen daher, die schlank-und-rank und eben wie aus der Werbung entsprungen an mir vorbei oder mir entgegenlaufen. Sie sehen nicht nur aus wie aus der Werbung, sie sind auch adrett geschminkt, ohne dass auch die kleinste Schweissperle ihr gewiss perfektes Makeup oder die Frisur derangieren würde. Sie riechen - selbstverständlich! - wie frisch aus dem Wäscheschrank - und würden sie nicht mit gazellenhafter Grazie an einem vorbeischweben, man könnte sie für wohlriechende Teerosen halten, die zur Perfektionierung ihres Aussehens und Geruchs am frühen Morgen vom Tau benetzt im sanften Morgenlicht schimmern.

Es ist eigentlich egal, ob sie von vorne oder von hinten kommen. Kommen sie von vorne, beginnt der geschulte Läufer sofort, seine Haltung zu korrigieren und versucht, ein siegreiches Lächeln aufzusetzen - wofür er wahlweise Mißachtung erntet oder, noch schlimmer, ein Lächeln, das die ganze Welt des Mitleids enthält. Daß man in der Regel mehr als doppelt so alt wie die Yogurette ist, ist dabei kein Trost - hat man doch eben erst mit Mühe verwunden, daß man beim Marathon in die nächst höhere Altersklasse gerutscht ist. Kommen sie von hinten, bleibt einem die Chance verwehrt, die Haltung zu korrigieren,da die Yogurette souverän an einem vorbeigeschwebt und ausser Sichtweite ist, bis man all die Regeln des guten Läuferstils beherzigt und umgesetzt hat. Man kann nur verlieren. Ein Los des Alters, manche Prozesse gehen eben nicht mehr so schnell. Auch dafür hasse ich die Yoguretten.

Noch heimtückischer ist es, wenn eine der Yoguretten im Endspurt eines Marathons an einem vorbeischwebt. Natürlich wie aus dem Ei gepellt, während man mit sich selbst hadert, ob man die hinter einem liegenden siebenunddreissigkommadrei Kilometer mit seinem Cabriolet nicht hätte bequemer und die noch vor einem liegenden Kilometer nicht stilvoller hätte hinter sich bringen können. 

Beim Frankfurt-Marathon habe ich dann Rache genommen. Die Yogurette lief eine Weile neben mir, dann zog sie an mir vorbei. Schließlich sah ich sie - "smelling and looking like roses" - an der nächsten Versorgungsstation stehend, trinkend. Innerlich lächelnd, äusserlich um Haltung bemüht, zog ich an ihr vorbei. Nichts anmerken lassen. Dann sah ich eben noch aus den Augenwinkeln ihre Startnummer: Staffelläuferin. Ich hasse Yoguretten. "Call me Ishmael!"


Das Kernproblem der Yogurette im Film: http://www.youtube.com/watch?v=axwujVKI2gA
Die Tragik der letzten Begegnung in Wort und Schrift: http://www.gutenberg.org/files/2701/2701-h/2701-h.htm#link2HCH0001

Sonntag, 23. Februar 2014

Die Schere im Kopf - Schwarzer, Edathy und der Rest

In einem der Weihetempel des Kapitalismus, dem Flughafen von Dubai, konnte ich gestern Nacht vor meinem Rückflug nach Deutschland das ehemals linke und ehemals aus Moskau bezahlte Propagandaorgan "Der Spiegel" kaufen. 

Zunächst machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, daß das Magazin bereits fast zwei Wochen alt war, obwohl hier doch die Nabelschnur des schnellen Warenumsatzes endete und täglich mehrere Flieger zwischen den Städten und Ländern hin- und her gehen und somit die Ausgaben fast tagesaktuell vorliegen müssten. Schließlich war es halb drei Uhr nachts und ich war müde und mein Augenlicht und meine Gehirnfunktionen getrübt. Doch beim Durchblättern stieß ich in einem Artikel über den Maler Lucien Freud auf schwarze Balken über Brüsten, Penisen und Vaginas, die offenbar vom Maler so nicht gemeint waren. Da andererseits die Bilder der SteuerhinterzieherIn Alice Schwarzer nicht geschwärzt waren, ging es offenbar in diesem Fall nicht darum, mein Augenlicht zu schützen, sondern um Zensur.

"Der Spiegel", Ausgabe 7/2014 vom 10.2.2014,
In den VAE zensiertes Bild in einem Artikel über
den Maler Lucian Freud (Seite 119)




Volker Schlöndorffs Film "Die Blechtrommel" ist in Ontario mit einem Aufführungsverbot belegt, weil "minderjährige Sexualität" dargestellt würde, die Josefine Mutzenbacher wird in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Index jugendgefährdenter Schriften geführt, in den Vereinigten Staaten von Amerika wurde 1990 das Büro des für seine erotischen Fotografien bekannten Jock Sturges erst vom FBI durchsucht, später wurde er mehrfach von rechten Spinnern und christlichen Fundamentalisten angegriffen und auch in Deutschland war seine Ausstellung im Frankfurter Museum für moderne Kunst sehr umstritten. In 16 Bundesstaaten der USA ist es heterosexuellen und in 22 Bundesstaaten  homosexuellen Paaren verboten, Oralsex zu betreiben. Alice Schwarzer trat ab 1987 als Speerspitze einer Bewegung zum teilweisen Verbot von Pornografie auf, was 1993 in dem Streit zwischen ihr und Helmut Newton über seine Aktbilder gipfelte - eine zweifelhafte Ehre, die übrigens dem japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki mit seinen aus dieser Sicht ebenfalls grenzwertigen Fotos nie zuteil wurde - und auch nicht dem großartigen Robert Mappelthorpe, vermutlich, weil dieser sich vornehmlich auf das Abbinden und Abquetschen von Penisen verlegt hatte und dies nach Schwarzers Denkart eher Ziel als zu verhindernde Darstellung sein müsste.

Gemein ist all diesen Fällen, daß es durchwegs nicht darum geht, irgendwen vor irgendetwas zu schützen, sondern das Diktat von Gedankenayatollas durchzusetzen, oder, noch schlimmer, einen durchaus guten und wünschenswerten Zweck (Schutz der Rechte von Frauen) als Vehikel für die Durchsetzung einer einseitigen und bornierten Denkweise oder als Plattform für die mediale Profilierungssucht zu nutzen. All das dient am Ende nur der Ausübung von Macht der Zensoren und ihrer Erfüllungsgehilfen über die Masse. 

Man kann Lucien Freud mögen, Newton schön finden - oder eben auch nicht und man kann aus persönlichen, künstlerischen, ethischen oder moralischen Erwägungen die Fotografien von Sturges ablehnen oder auch nicht. Man kann Oralsex oder Pornografie mögen, geil finden - oder langweilig - oder eben auch alles nicht. Entscheidend ist jedoch, daß all dies Privatsache einer jeden einzelnen Person ist und es nicht Aufgabe von Staaten oder Gruppen sein kann, dies festzulegen oder einzuschränken. Oft erledigen sich derartige Anwürfe ohnehin von selbst - oder spricht heute noch jemand von David Hamilton und seinen verkitschten, verzärtelten, verlogenen und langweiligen Fotografien? Es geht hier also nicht darum, über Geschmack oder den künstlerischen Wert von Werken und Darstellungen zu streiten - ich persönlich mag Newtons Fotografien einfach nicht, aber ich möchte nicht über deren Wert urteilen und schon garnicht mein Urteil zum Maßstab für andere machen.

Hilft Zensur? Ja, immer denjenigen, die zensieren. Schützt Zensur. Ja. Aber nur die Machtstrukturen der zensierenden Klasse (man verzeihe mir diesen Ausdruck). Die Definition "entarteter Kunst", "jüdischer Physik", "entarteter Musik" und so fort in der Deutschen Vergangenheit sind hier ein deutliches Beispiel. Hilft Zensur, Dinge zu verbreiten? Nein. Wer sich zensierte Werke beschaffen möchte, kann das heute im Zeitalter des Internets einfacher tun als je zuvor. Das gilt leider für Pornografie genauso wie für "Mein Kampf". Man wird also mit Zensur nicht das Fundament schützen auf dem sich eine Gesellschaft gründet, sondern eher die Zensur als mögliches Medium zur Einführung weiterer Beschränkungen und Überwachungen nutzen. Das Schutzbedürfnis ist also nur ein Vorwand. Die Gesetzgebung auch in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren zeigt das sehr deutlich. Weder haben sich durch die Überwachung des Internets die Anzahl der terroristischen Akte vermindert noch nachweislich die im Umlauf befindlichen Kinderpornos reduziert. Damit fiele auch der letzte Punkt für eine Zensur weg: der Schutz der Rechte von Schutzbedürftigen.

Die Zensur ist also nicht nur ein stumpfes Schwert, es ist auch ein rostiges, brüchiges - und damit nutzloses, ein Mäntelchen des Wohlfühlens, das der Staat bereitet und unter dem sich der Bürger heimelig und gefühlt beschützt fühlt.

Meinen Urlaub in Dubai verlebte ich wie unter einem goldenen Schleier, der nur ab und zu durch die Arabischen Medien und BBC mit Blick auf die Gräuel in Syrien und das Desaster in der Ukraine gelüftet wurde. Und ein bisschen Sotschi fand auch noch statt. Von den Nichtigkeiten aus Deutschland bekam ich so gut wie nichts mit, bis mich eine Mail meines dicklichen Parteivorsitzenden über einen mir bis dahin unbekannten Herrn Edathy aus meiner Stasis holte. Die Mail war sehr deutlich formuliert und distanzierte sich nachdrücklich (und auch richtigerweise!) von den mit den Vorwürfen des Besitzes von Kinderpornografie zusammenhängenden Anschuldigungen und Ermittlungen gegen Herrn Edathy.  

Während ich versuchte die Hintergründe zu verstehen, explodierte in Deutschland derweil die Affäre "Edathy" und flog den Regierenden um die Ohren - und noch während die Explosion stattfand, kamen die ersten Forderungen nach einer Verschärfung des Strafrechts und damit einhergehend nach einer Überwachung (vulgo: Zensur) des Internets auf die Tagesordnung. 

Nun bin ich absolut dafür, daß Menschen, die anderen Menschen Gewalt oder Leid (auch seelisches!) zufügen, dafür bestraft werden müssen - unabhängig davon, ob es sich bei den Opfern um Kinder, Frauen oder Männer handelt. Ich bin ebenfalls dafür, Kinder besonders zu schützen und finde es tief verwerflich, wenn Menschen zu Handlungen verführt oder gezwungen werden, die sie ohne diese Verführung oder den Zwang nicht tun würden. Merkwürdig ist jedoch, daß diese Tatsache ebenfalls wieder zur Debatte steht. Und merkwürdig ist auch, daß wieder über Zensur und Kontrolle diskutiert wird - und uns doch all die Zensur und Kontrolle nicht ein Stück weitergebracht oder die Rechte von Kindern gestärkt hat. Im konkreten Fall ist die Aufdeckung der Akribie der Kanadischen Polizei zu verdanken - und weitere spektakuläre Fälle in den vergangenen Jahren liegen hier ähnlich. Kein mir bekannter Fall wurde jedoch durch Zensur und Überwachung gelöst, da diese die verbrecherischen Geschäftemacher einfach nur noch weiter in den undurchdringlichen Untergrund treiben.

Ich wünsche mir also endlich eine Diskussion, wie die Rechte von Opfern (Kinder, Frauen, Männer, Menschen) gestärkt und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden können und die Situation verbessert und künftige Fälle vermieden werden - ohne selbsternannte oder staatliche Gedankenpolizisten, Blockwarte und Gesinnungsayatollas, denn diese Mechanismen haben nicht nur in unserer Geschichte mehr als einmal versagt (*).


(*) Mehr zum Thema "Sinnestäter" und wozu die totale Überwachung führen kann finden sich in den einschlägigen Publikationen, ich empfehle hier die einschlägigen Bücher von Aldous Huxley, George Orwell oder Ray Bradbury oder, wem das zu anstrengend ist, zum Beispiel die Filme "Fahrenheit 451" oder Equilibrium.
Oder einen Besuch in einem Büro von Amnesty International oder HumanRightsWatch.