Sonntag, 23. Februar 2014

Die Schere im Kopf - Schwarzer, Edathy und der Rest

In einem der Weihetempel des Kapitalismus, dem Flughafen von Dubai, konnte ich gestern Nacht vor meinem Rückflug nach Deutschland das ehemals linke und ehemals aus Moskau bezahlte Propagandaorgan "Der Spiegel" kaufen. 

Zunächst machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, daß das Magazin bereits fast zwei Wochen alt war, obwohl hier doch die Nabelschnur des schnellen Warenumsatzes endete und täglich mehrere Flieger zwischen den Städten und Ländern hin- und her gehen und somit die Ausgaben fast tagesaktuell vorliegen müssten. Schließlich war es halb drei Uhr nachts und ich war müde und mein Augenlicht und meine Gehirnfunktionen getrübt. Doch beim Durchblättern stieß ich in einem Artikel über den Maler Lucien Freud auf schwarze Balken über Brüsten, Penisen und Vaginas, die offenbar vom Maler so nicht gemeint waren. Da andererseits die Bilder der SteuerhinterzieherIn Alice Schwarzer nicht geschwärzt waren, ging es offenbar in diesem Fall nicht darum, mein Augenlicht zu schützen, sondern um Zensur.

"Der Spiegel", Ausgabe 7/2014 vom 10.2.2014,
In den VAE zensiertes Bild in einem Artikel über
den Maler Lucian Freud (Seite 119)




Volker Schlöndorffs Film "Die Blechtrommel" ist in Ontario mit einem Aufführungsverbot belegt, weil "minderjährige Sexualität" dargestellt würde, die Josefine Mutzenbacher wird in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Index jugendgefährdenter Schriften geführt, in den Vereinigten Staaten von Amerika wurde 1990 das Büro des für seine erotischen Fotografien bekannten Jock Sturges erst vom FBI durchsucht, später wurde er mehrfach von rechten Spinnern und christlichen Fundamentalisten angegriffen und auch in Deutschland war seine Ausstellung im Frankfurter Museum für moderne Kunst sehr umstritten. In 16 Bundesstaaten der USA ist es heterosexuellen und in 22 Bundesstaaten  homosexuellen Paaren verboten, Oralsex zu betreiben. Alice Schwarzer trat ab 1987 als Speerspitze einer Bewegung zum teilweisen Verbot von Pornografie auf, was 1993 in dem Streit zwischen ihr und Helmut Newton über seine Aktbilder gipfelte - eine zweifelhafte Ehre, die übrigens dem japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki mit seinen aus dieser Sicht ebenfalls grenzwertigen Fotos nie zuteil wurde - und auch nicht dem großartigen Robert Mappelthorpe, vermutlich, weil dieser sich vornehmlich auf das Abbinden und Abquetschen von Penisen verlegt hatte und dies nach Schwarzers Denkart eher Ziel als zu verhindernde Darstellung sein müsste.

Gemein ist all diesen Fällen, daß es durchwegs nicht darum geht, irgendwen vor irgendetwas zu schützen, sondern das Diktat von Gedankenayatollas durchzusetzen, oder, noch schlimmer, einen durchaus guten und wünschenswerten Zweck (Schutz der Rechte von Frauen) als Vehikel für die Durchsetzung einer einseitigen und bornierten Denkweise oder als Plattform für die mediale Profilierungssucht zu nutzen. All das dient am Ende nur der Ausübung von Macht der Zensoren und ihrer Erfüllungsgehilfen über die Masse. 

Man kann Lucien Freud mögen, Newton schön finden - oder eben auch nicht und man kann aus persönlichen, künstlerischen, ethischen oder moralischen Erwägungen die Fotografien von Sturges ablehnen oder auch nicht. Man kann Oralsex oder Pornografie mögen, geil finden - oder langweilig - oder eben auch alles nicht. Entscheidend ist jedoch, daß all dies Privatsache einer jeden einzelnen Person ist und es nicht Aufgabe von Staaten oder Gruppen sein kann, dies festzulegen oder einzuschränken. Oft erledigen sich derartige Anwürfe ohnehin von selbst - oder spricht heute noch jemand von David Hamilton und seinen verkitschten, verzärtelten, verlogenen und langweiligen Fotografien? Es geht hier also nicht darum, über Geschmack oder den künstlerischen Wert von Werken und Darstellungen zu streiten - ich persönlich mag Newtons Fotografien einfach nicht, aber ich möchte nicht über deren Wert urteilen und schon garnicht mein Urteil zum Maßstab für andere machen.

Hilft Zensur? Ja, immer denjenigen, die zensieren. Schützt Zensur. Ja. Aber nur die Machtstrukturen der zensierenden Klasse (man verzeihe mir diesen Ausdruck). Die Definition "entarteter Kunst", "jüdischer Physik", "entarteter Musik" und so fort in der Deutschen Vergangenheit sind hier ein deutliches Beispiel. Hilft Zensur, Dinge zu verbreiten? Nein. Wer sich zensierte Werke beschaffen möchte, kann das heute im Zeitalter des Internets einfacher tun als je zuvor. Das gilt leider für Pornografie genauso wie für "Mein Kampf". Man wird also mit Zensur nicht das Fundament schützen auf dem sich eine Gesellschaft gründet, sondern eher die Zensur als mögliches Medium zur Einführung weiterer Beschränkungen und Überwachungen nutzen. Das Schutzbedürfnis ist also nur ein Vorwand. Die Gesetzgebung auch in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren zeigt das sehr deutlich. Weder haben sich durch die Überwachung des Internets die Anzahl der terroristischen Akte vermindert noch nachweislich die im Umlauf befindlichen Kinderpornos reduziert. Damit fiele auch der letzte Punkt für eine Zensur weg: der Schutz der Rechte von Schutzbedürftigen.

Die Zensur ist also nicht nur ein stumpfes Schwert, es ist auch ein rostiges, brüchiges - und damit nutzloses, ein Mäntelchen des Wohlfühlens, das der Staat bereitet und unter dem sich der Bürger heimelig und gefühlt beschützt fühlt.

Meinen Urlaub in Dubai verlebte ich wie unter einem goldenen Schleier, der nur ab und zu durch die Arabischen Medien und BBC mit Blick auf die Gräuel in Syrien und das Desaster in der Ukraine gelüftet wurde. Und ein bisschen Sotschi fand auch noch statt. Von den Nichtigkeiten aus Deutschland bekam ich so gut wie nichts mit, bis mich eine Mail meines dicklichen Parteivorsitzenden über einen mir bis dahin unbekannten Herrn Edathy aus meiner Stasis holte. Die Mail war sehr deutlich formuliert und distanzierte sich nachdrücklich (und auch richtigerweise!) von den mit den Vorwürfen des Besitzes von Kinderpornografie zusammenhängenden Anschuldigungen und Ermittlungen gegen Herrn Edathy.  

Während ich versuchte die Hintergründe zu verstehen, explodierte in Deutschland derweil die Affäre "Edathy" und flog den Regierenden um die Ohren - und noch während die Explosion stattfand, kamen die ersten Forderungen nach einer Verschärfung des Strafrechts und damit einhergehend nach einer Überwachung (vulgo: Zensur) des Internets auf die Tagesordnung. 

Nun bin ich absolut dafür, daß Menschen, die anderen Menschen Gewalt oder Leid (auch seelisches!) zufügen, dafür bestraft werden müssen - unabhängig davon, ob es sich bei den Opfern um Kinder, Frauen oder Männer handelt. Ich bin ebenfalls dafür, Kinder besonders zu schützen und finde es tief verwerflich, wenn Menschen zu Handlungen verführt oder gezwungen werden, die sie ohne diese Verführung oder den Zwang nicht tun würden. Merkwürdig ist jedoch, daß diese Tatsache ebenfalls wieder zur Debatte steht. Und merkwürdig ist auch, daß wieder über Zensur und Kontrolle diskutiert wird - und uns doch all die Zensur und Kontrolle nicht ein Stück weitergebracht oder die Rechte von Kindern gestärkt hat. Im konkreten Fall ist die Aufdeckung der Akribie der Kanadischen Polizei zu verdanken - und weitere spektakuläre Fälle in den vergangenen Jahren liegen hier ähnlich. Kein mir bekannter Fall wurde jedoch durch Zensur und Überwachung gelöst, da diese die verbrecherischen Geschäftemacher einfach nur noch weiter in den undurchdringlichen Untergrund treiben.

Ich wünsche mir also endlich eine Diskussion, wie die Rechte von Opfern (Kinder, Frauen, Männer, Menschen) gestärkt und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden können und die Situation verbessert und künftige Fälle vermieden werden - ohne selbsternannte oder staatliche Gedankenpolizisten, Blockwarte und Gesinnungsayatollas, denn diese Mechanismen haben nicht nur in unserer Geschichte mehr als einmal versagt (*).


(*) Mehr zum Thema "Sinnestäter" und wozu die totale Überwachung führen kann finden sich in den einschlägigen Publikationen, ich empfehle hier die einschlägigen Bücher von Aldous Huxley, George Orwell oder Ray Bradbury oder, wem das zu anstrengend ist, zum Beispiel die Filme "Fahrenheit 451" oder Equilibrium.
Oder einen Besuch in einem Büro von Amnesty International oder HumanRightsWatch.

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