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Freitag, 7. August 2026

"Endlich normale Leute!" - Christopher Street Day Frankfurt (18. Juli 2026)

 

Le·bens·lust - Substantiv, Bedeutung: "Große Freude am Leben"

So empfand ich den Christopher Street Day in Frankfurt im Juli 2026. Während ich die Parade und Menschen fotografierte, Freunde und Bekannte traf, wusste ich selbst noch nicht, dass am Abend zuvor ein Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Frankfurt mit einer Flasche attackiert und so schwer verletzt wurde, dass er sofort im Krankenhaus operiert werden musste. Und leider war das auch in Frankfurt nicht der einzige Fall von An- und Übergriffen, wenn auch der schwerste. Und natürlich wusste ich zum Zeitpunkt des CSD in Frankfurt noch nichts vom furchtbaren und tragischen Anschlag auf den Berliner CSD am 25. Juli. 

 
Am Folgetag der Parade des CSD Frankfurt ging ich mit meiner Familie für mehr als zwei Wochen in den Urlaub und hatte keine Zeit, die Bilder vor meiner Abreise zu sichten, zu bearbeiten und online zu stellen. Während dieser Zeit erreichte mich auch die schreckliche Nachricht aus Berlin. Das veränderte alles. Und war die Tat für sich genommen schon der reine Wahnsinn, waren die Kommentare, die sich in den "sozialen" Medien entluden, wie Verachtung und Menschenhass auf Steroiden. Natürlich weiß ich, dass dieser Hass auch gelenkt, künstlich erzeugt ist und von bestimmten Akteuren auch für ihre Zwecke genutzt wird. Aber es hat auch viel tief verwurzelten Ressentiments bei einzelnen zu tun, mit tief verwurzelten und tradierten Vorurteilen und mit einer Form von Dummheit, die sich mir nicht erschließt. Und leider muss ich auch immer wieder feststellen, dass diese Vorurteile und Abneigungen auch bei Bekannten und Freunden verwurzelt sind, die ich nicht als "dumm" bezeichnen würde. Umsomehr macht mich das fassungslos.

Mein Zorn und meine Wut auf diese furchtbaren Zeitgenossen suchte aus dem Urlaub in Kanada ein Ventil und entlud sich in verschiedenen Textnachrichten und in einem Beitrag auf meiner Facebook-Seite. Ich fand es wohltuend, dass ich Zustimmung nicht nur von aktiven Followern bekam, sondern auch von Leuten, von denen ich garnicht wusste, ob sie eine "Karteileiche" in Facebook waren oder durchaus Posts wahrnehmen. Das tat gut. Und es entspann sich eine Diskussion mit meinem lieben Freund Max, der mich darauf hinwies, dass es heute die queere Community treffen würde und morgen eben die Juden und übermorgen dann eben eine ganz andere Gruppe. Und er berichtete mir ein wenig von seinen Erfahrungen als Jude. 
 
Vor einigen Wochen war ich zur Preisverleihung des Max-Spohr-Preises eingeladen und einer der Redner dort war Michel Friedman. In seiner unglaublich scharfen, aufrüttelnden und packenden Rede sagte er auch sinngemäß, dass er "beinahe froh sei, dass es jetzt auch gegen die queere Community ginge, da würde er sich dann als Jude in Deutschland nicht mehr so einsam fühlen." Mir blieb damals das Lachen über diesen bitteren pointierten Scherz im Hals stecken, aber das fiel mir ein, als Max mir von seinen Erlebnissen und Erfahrungen als Jude berichtete.   

Und mir fiel mal wieder auf, dass ich ein unwahrscheinliches Glück hatte, offene und (weitgehend) vorurteilsfreie Eltern gehabt zu haben, die mir neben einigen anderen wichtigen Dingen eben auch diese Offenheit mitgegeben haben. Ich hoffe sehr, dass ich das auch meinem Sohn als Geschenk für sein Leben mitgegeben kann. Aber es fiel mir leider auch auf, dass ich in einer privilegierten Blase lebe, in der ich bei all meinen Interessen, Vorlieben und Eigenheiten bisher von solchen Angriffen verschont geblieben bin. Zum Glück.


Die Unterstützung durch die Politik bei solchen Anschlägen, auch das hat sich in den letzten Wochen gezeigt, ist bestenfalls lauwarm oder, wenn es denn eine Stellungnahme gibt, so wie im Falle des Berliner Anschlags, ist sie unglaubwürdig in sich und wird durch das Streichen von Fördermitteln zur Förderung der Demokratie nur wenige Tage später zu einem Lippenbekenntnis, das im Zweifel nichts Wert ist. Immerhin hat sich "meine" (inzwischen ehemalige) Partei zu der längst überfälligen Forderung hinreissen lassen, sexuelle Identität als Diskriminierungsmerkmal in das  Grundgesetz aufzunehmen. Das ist zwar richtig, notwendig und längst überfällig, hätte aber den Opfern in Berlin und Frankfurt nicht geholfen.

Was also bleibt ist, sich anderweitig zu organisieren, damit der Kampf um Werte, Gleichberechtigung, Sichtbarkeit, Inklusion, Teilhabe, ein soziales Miteinander und gegen Vorurteile auch tatsächlich gekämpft wird. Man muss es im Kleinen, in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis weitergeben. Man muss es selbst in die Hand nehmen. Zivilcourage zeigen. Insofern ist es wichtig und es tut gut, dass es Veranstaltungen wie den CSD gibt, man fühlt sich nicht mehr so alleine und einsam - aber, und das ist der Spruch des CSD 2026 für mich: man trifft "endlich auf normale Leute."

 

„Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie  werden nicht 
 selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“
(Otto von Bismarck) 

 







































 























 

#CSD #CSDFrankfurt #queer #gleichberechtigung #inklusion