Die Bundespolitik scheint ein Feld zu sein, das von einem Hosenanzug beherrscht wird, der die politische Landschaft im Wesentlichen entpolitisiert hat und zumindest einen Teil der politischen Kultur in grauem Konsensbrei und langweiligem Wohlfühlgewaber erstickt hat. Die parlamentarische Streitkultur ist verschwunden, obwohl es genug Themen gibt, über die es zu streiten sich lohnt. Das ist sehr schade und ich finde das traurig, denn damit ist der Politik der Unterhaltungswert abhanden gekommen und die Positionen weichen der Beliebigkeit. Aber in solch einem Spiel gibt es nicht nur Schuldige, Täter und Opfer mit klaren Rollen, sondern es tragen auch immer diejenigen einen Teil der Schuld, die sich zum Opfer machen und sich das Heft aus der Hand nehmen lassen. So scheinen die Bundesakteure im Moment im Wesentlichen aus einem Hosenanzug zu bestehen, der zu garnichts etwas sagt und dadurch unangreifbar wirkt, aus dem Kanzlerkandidaten einer Volkspartei, der in den letzten Wochen eher das Gefühl erzeugte, er sei von der derzeit regierenden Partei als primäre Erstschlagwaffe gegen die Sozialdemokratie eingesetzt worden, einem Parteivorsitzenden, der keiner Partei mehr vorsitzt und verstörten Grünen, die nicht so recht wissen, was sie mit dem Kandidaten der nicht mehr so großen Volkspartei anfangen sollen. Und es gibt ein Häuflein von Separatisten aus dem Süden der Republik, die durch die Landschaft irren und vorallem Angst vor dem eigenen Versagen im Herbst haben (siehe auch: Der Separatfrieden von Kreuth von 1976, ein Lehrstück in mehreren Akten). So wirkt im Wahljahr die Bundespolitik auf mich derzeit eher wie der "Danse Macabre" von Saint-Saëns, bei dem die Toten nachts aus ihren Gräbern aufsteigen und Tänze auf dem Friedhof aufführen.
Mein Arzt hat mir neulich gesagt, ich solle mein Herz schonen und mich nicht mehr so aufregen. Aufregen. Warum sollte ich mich über die fortschreitende Entpolitisierung der Politik aufregen. Ich. Mich. Es gab Zeiten, in denen die Maxime galt, daß das Private politisch sei. Vorbei diese Zeiten. Nun gut, man muß mit der Zeit gehen. Also hatte ich gestern die Idee, eine "politische Fastenzeit" zu nehmen, mich einfach jeden politischen Interesses bis zur Bundestagswahl zu enthalten, mich zu "entschlacken". Eine Nulldiät. Ich rege mich nicht mehr auf. Ich bestelle die Zeitungen ab. Ich lese keine Blogs mehr. Ich mache ein Schild an meinen Briefkasten: "Bis nach der Wahl verzogen". Vor allem aber: ich werde mich nicht mehr aufregen. Bis ich politisch so weit abgemagert bin, daß ich dankbar die gut verträgliche intellektuelle Flüssignahrung aufnehmen werde, die man mir nach der Wahl eingeben wird.
Allerdings, jeder, der schon einmal eine Diät versucht hat weiß, daß es gelegentlich zu unkontrollierten Freßattacken kommen kann, in denen man unkontrolliert seinen Kühlschrank leerfrisst. Und "es" dann aus einem herausbricht. Dann werde ich diesen Blog weiterführen. Und mich aufregen. Adorno schrieb in "Kulturkritik und Gesellschaft": „Langeweile ist der Reflex auf das objektive Grau.
Langeweile ist objektive Verzweiflung.“ Gut, daß das so ist - denn Verzweiflung lässt sich kanalisieren. Auch im Blog.
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