Freitag, 8. November 2013
Freitag, 12. Juli 2013
Literarische Fundstücke (4) - Aus gegebenem Anlass
Eigentlich wollte ich gestern Abend etwas über den "Pierrot Lunaire" von Arnold Schönberg schreiben, denn der erste Eindruck war danach. Da der Abend jedoch noch eine unerwartete Wendung nahm, fiel mir wieder eines meiner Lieblingsgedichte ein, das mir stattdessen passender erscheint:
Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,
And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I -
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I -
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.
Robert Frost, "The Road Not Taken", 1916
Samstag, 15. Juni 2013
Nachruf an einen treuen Begleiter
Nun bist Du von mir gegangen. Einfach so. Schneller Herztod. Nach dem Mannheim Marathon. Gut, ich gebe zu, die Zeichen der Zeit waren deutlich: hast Du doch in der letzten Zeit immer wieder Eigenheiten entwickelt, die Deinem Alter zuzuschreiben waren. Hast einfach mal den Start verschlafen. Hast einfach mal keine Satelliten gefunden. Oder Dich einfach mal verabschiedet - mitten im Lauf. Oder wolltest Deine Daten nach dem Training nicht preisgeben. Einfach nicht preisgeben. Du warst zunehmend bockig und stur - und wurdest senil. Und trotzdem habe ich Dich geliebt, denn Du hast mich vom ersten Laufjahr an über tausende Kilometer begleitet. Von einem meiner ersten Läufe mit der olympischen Länge von Eintausendzweihundert Metern bis hin zu meinen letzten Läufen über 35 Kilometer durch den Taunus. Du warst dabei, als die Eichhörnchen bei meinen ersten Läufen lachend und prustend über das keuchende, dicke, rollende, stampfende Etwas vom Baum fielen bis hin zu den Rehen, die verstört von einer schnaufenden Presswurst in das Unterholz flüchteten. Und auch beim Wettkampf warst Du immer für mich da - bis letzte Woche.
Am Anfang habe ich Dich gehasst, denn Du hast mir gezeigt, daß ein roter Kopf und zu schwitzen nicht automatisch Schnelligkeit bedeuten. Wir haben uns aneinander gewöhnt, als ich trotz Qual und Mißerfolgen die ersten Forschritte an Dir ablesen konnte. Du hast mich durch die Einöde getragen, über Wiesen und Wälder. Und wir haben zusammen die Welt bereist, Frankfurt, Leipzig, München, und Andalusien. Überhaupt Andalusien, weißt Du noch, als wir zusammen am Strand entlang liefen und ein Mensch sagte, Du seist hässlich. Du. Hässlich. Ich habe Dich verteidigt. Gut, ich gebe zu, in der letzten Zeit warst Du nicht mehr so anschmiegsam wie am Anfang, denn auch Deine Bänder waren nicht mehr die jüngsten. Aber hässlich? Ich habe Dich immer mit anderen Augen gesehen.
Und nun kam das Ende. Eigentlich haben wir das erwartet, wir wussten, daß der Zeitpunkt nicht mehr in allzuweiter Ferne liegen würde. Und doch kam es plötzlich. Zuerst in Mannheim am Start: Du wollest nicht aufwachen. Dann hast Du 20 Minuten gebraucht, um Dich an Deine Funktion zu erinnern und das GPS Signal zu finden. Und am vergangenen Mittwoch beim Lauf: Einfach so. Ohne ein Wort des Abschieds. Kein letztes Piepen. Aus. Vorbei. Exitus.
Dein Nachfolger (*) war gestern in der Post. Er sieht elegant aus, schwarz, glänzend - nicht so flittchenhaft rot wie Du. Runder, anschiegsamer. Nicht so eckig und kantig wie Du. Auch wir werden uns aneinander gewöhnen, so wie einst wir beide uns aneinander gewöhnt haben, lieber Garmin Forerunner 305.
Am Anfang habe ich Dich gehasst, denn Du hast mir gezeigt, daß ein roter Kopf und zu schwitzen nicht automatisch Schnelligkeit bedeuten. Wir haben uns aneinander gewöhnt, als ich trotz Qual und Mißerfolgen die ersten Forschritte an Dir ablesen konnte. Du hast mich durch die Einöde getragen, über Wiesen und Wälder. Und wir haben zusammen die Welt bereist, Frankfurt, Leipzig, München, und Andalusien. Überhaupt Andalusien, weißt Du noch, als wir zusammen am Strand entlang liefen und ein Mensch sagte, Du seist hässlich. Du. Hässlich. Ich habe Dich verteidigt. Gut, ich gebe zu, in der letzten Zeit warst Du nicht mehr so anschmiegsam wie am Anfang, denn auch Deine Bänder waren nicht mehr die jüngsten. Aber hässlich? Ich habe Dich immer mit anderen Augen gesehen.
Und nun kam das Ende. Eigentlich haben wir das erwartet, wir wussten, daß der Zeitpunkt nicht mehr in allzuweiter Ferne liegen würde. Und doch kam es plötzlich. Zuerst in Mannheim am Start: Du wollest nicht aufwachen. Dann hast Du 20 Minuten gebraucht, um Dich an Deine Funktion zu erinnern und das GPS Signal zu finden. Und am vergangenen Mittwoch beim Lauf: Einfach so. Ohne ein Wort des Abschieds. Kein letztes Piepen. Aus. Vorbei. Exitus.
Dein Nachfolger (*) war gestern in der Post. Er sieht elegant aus, schwarz, glänzend - nicht so flittchenhaft rot wie Du. Runder, anschiegsamer. Nicht so eckig und kantig wie Du. Auch wir werden uns aneinander gewöhnen, so wie einst wir beide uns aneinander gewöhnt haben, lieber Garmin Forerunner 305.
(*) Der Nachfolger ist ein Garmin Forerunner 910XT und kann im Gegensatz zu seinem Vorgänger zusätzlich
Kaffee kochen und während des Laufs aus der Konstellation der Sterne das aktuelle Horoskop erstellen.
Zur Zeit belege ich an der Uni Frankfurt das Basisseminar "Garmin Forerunner 910XT Basis - Benutzung
und Einstellung aller Funktion" und werde in wenigen Wochen über meine Zertifizierung als System
Engineer Forerunner (I) berichten, wenn ich die Prüfung bestehe und mit den Einstellungen
des Geräts zurecht komme.
Donnerstag, 9. Mai 2013
HTV
Nein, HTV ist keine Krankheit. Auch keine neue, erworbene Immunschwäche. Deswegen gibt es dagegen leider auch keine Therapie. HTV ist die Garantie, daß man von dem Fleckchen Fritzlar in Hessen überhaupt Notiz nimmt, denn in Fritzlar sitzt der Hessische Triathlon Verband. Auch von diesem Verband müsste man nun - ähnlich wie von Fritzlar - keinerlei Notiz nehmen, wäre der Landesverband der Deutschen Triathlon Union (ein weiterer Verband) nicht dafür zuständig, dem gemeinen Triathleten Startpässe auszustellen. Auch davon müsste man keine Notiz nehmen, bräuchte der gemeine Triathlet nicht eben diesen Startpass, um bei den meisten Veranstaltungen antreten zu dürfen - ohne einen Tagespass für einen erklecklichen Obolus erwerben zu müssen.
Nun ist das Antragsverfahren für die Ausstellung dieser Pässe zwar wunderbarerweise elektronisch verfolgbar, doch steht mein Paß seit inzwischen zwei Monaten im Status "Pass gedruckt", ohne sich von diesem Zustand in meinen Postkasten zu bewegen. Vielleicht liegt der Grund dafür, daß der Verband in Fritzlar seine Heimat hat, aber auch darin, daß genau dort der weltweit letzte Kunsthandwerker lebt, der in der Lage ist, die Startpässe zu fertigen. Dieser Handwerker hat gewiss seine Startpassmanufaktur in einem jahrhundertealten Fachwerkhaus. Ich stelle mir einen etwa 250-Jahre-alten, zerknitterten Meister vor, der seine müden Augen in einer Werkstatt, die einem Gemälde von Dürer entsprungen sein könnte, über ein Pergament beugt und die Startpässe beim schwachen Schein eines Talglichtes kalligrafiert. So sitzt das arme Hutzelmännlein nun schon seit der letzten Saison und kalligrafiert Startpass um Startpass mühsam auf Rinderhäute bester Provenienz - und ist dabei leider erst bis zum Buchstaben "B" vorgedrungen (*). Die Übertragung des Geldes an den Verband für dieses Kunsthandwerk ging übrigens schneller, das war in ein paar Minuten erledigt.
Triathlon soll ja angeblich eine eher schnelle Sportart sein, doch der Verband scheint sich vorgenommen zu haben, Übertraining durch Entschleunigung zu vermeiden. So bleibt mir in der Zwischenzeit nur, Tagespässe zu kaufen und zu hoffen, daß Deutschlands Lieblingslogistikunternehmen irgendwann Notiz von Fritzlar nimmt und die Pässe (ich bin leider kein Einzelschicksal) zu den Empfängern transportiert.
Das Wort "Obolus" (ὀβολός) kommt nebenbei aus dem Altgriechischen und bedeutet auch "Bratspieß" - vielleicht wäre das ja eine Lösung im Umgang mit HTV.
Nun ist das Antragsverfahren für die Ausstellung dieser Pässe zwar wunderbarerweise elektronisch verfolgbar, doch steht mein Paß seit inzwischen zwei Monaten im Status "Pass gedruckt", ohne sich von diesem Zustand in meinen Postkasten zu bewegen. Vielleicht liegt der Grund dafür, daß der Verband in Fritzlar seine Heimat hat, aber auch darin, daß genau dort der weltweit letzte Kunsthandwerker lebt, der in der Lage ist, die Startpässe zu fertigen. Dieser Handwerker hat gewiss seine Startpassmanufaktur in einem jahrhundertealten Fachwerkhaus. Ich stelle mir einen etwa 250-Jahre-alten, zerknitterten Meister vor, der seine müden Augen in einer Werkstatt, die einem Gemälde von Dürer entsprungen sein könnte, über ein Pergament beugt und die Startpässe beim schwachen Schein eines Talglichtes kalligrafiert. So sitzt das arme Hutzelmännlein nun schon seit der letzten Saison und kalligrafiert Startpass um Startpass mühsam auf Rinderhäute bester Provenienz - und ist dabei leider erst bis zum Buchstaben "B" vorgedrungen (*). Die Übertragung des Geldes an den Verband für dieses Kunsthandwerk ging übrigens schneller, das war in ein paar Minuten erledigt.
Triathlon soll ja angeblich eine eher schnelle Sportart sein, doch der Verband scheint sich vorgenommen zu haben, Übertraining durch Entschleunigung zu vermeiden. So bleibt mir in der Zwischenzeit nur, Tagespässe zu kaufen und zu hoffen, daß Deutschlands Lieblingslogistikunternehmen irgendwann Notiz von Fritzlar nimmt und die Pässe (ich bin leider kein Einzelschicksal) zu den Empfängern transportiert.
Das Wort "Obolus" (ὀβολός) kommt nebenbei aus dem Altgriechischen und bedeutet auch "Bratspieß" - vielleicht wäre das ja eine Lösung im Umgang mit HTV.
(*) Übrigens wissen wir seit Umberto Ecos "Der Name der Rose" auch, daß nicht jede Art der Tinte gleichermaßen gut geeignet für dieses Handwerk ist und die falsche Tine möglicherweise zu endgültigen Seiteneffekten führen kann - ich hoffe, daß dies nicht meinem Startpasskunsthandwerker widerfahren ist.
Donnerstag, 28. Februar 2013
Ode "An die Taube"
Taube, die Du mit sanftgrauem Gefieder die Himmel durchmisst,
eilend, schwebend,
Taube, die Du uns mit Deinem Gurren erfreust, turtelnd durch die Welt sich bewegend,
Taube, die Du anmutig pickend und nach Nahrung suchend die Städte bevölkerst,
Taube, die Du die Älteren, die Einsamen, durch Deine Anwesenheit labst –
Taube, die Du mein armes Auto als Abort verwendet hast,
Taube – ich kriege Dich!
Taube, ich werde Dich rupfen, ausnehmen und mit zartem Speck umwickeln, damit Deine Brüstchen nicht austrocknen,
Taube, ich werde Dir Gesellschaft durch Rosmarin, Olivenöl, Zwiebeln und Knoblauch leisten lassen
Taube, ich werde eine Flasche Côtes du Rhône öffnen, damit mir nicht so einsam wird,
Während Du bei 180 Grad im Backofen schwitzt, bis Du saftig und gar bist und sich Dein Brüstchen zart bräunt.
Denn, Taube, Rache ist ein Gericht, das heiß genossen werden will, damit Du Dir merkest - für immer-, mein Fahrzeug sei kein Abort.
Taube, die Du uns mit Deinem Gurren erfreust, turtelnd durch die Welt sich bewegend,
Taube, die Du anmutig pickend und nach Nahrung suchend die Städte bevölkerst,
Taube, die Du die Älteren, die Einsamen, durch Deine Anwesenheit labst –
Taube, die Du mein armes Auto als Abort verwendet hast,
Taube – ich kriege Dich!
Taube, ich werde Dich rupfen, ausnehmen und mit zartem Speck umwickeln, damit Deine Brüstchen nicht austrocknen,
Taube, ich werde Dir Gesellschaft durch Rosmarin, Olivenöl, Zwiebeln und Knoblauch leisten lassen
Taube, ich werde eine Flasche Côtes du Rhône öffnen, damit mir nicht so einsam wird,
Während Du bei 180 Grad im Backofen schwitzt, bis Du saftig und gar bist und sich Dein Brüstchen zart bräunt.
Denn, Taube, Rache ist ein Gericht, das heiß genossen werden will, damit Du Dir merkest - für immer-, mein Fahrzeug sei kein Abort.
Sonntag, 24. Februar 2013
"Kurswende: Unionspolitiker wollen Homo-Ehe doch gleichstellen"
So schreibt heute die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Auf Deutsch gesagt: die Regierung hat mal wieder ihre Arbeit nicht gemacht, das Bundesverfassungsgericht hat diese Arbeit zum Glück nun endlich erledigt - und schwupps - nach einer eleganten Kehrtwende waren nun schon immer alle Mitglieder der CDU/CSU für die Neuregelung. Nur die konservativen Restbestände dieser Gruppierung sind natürlich (noch) dagegen. So sprang mir gestern Barbara Stamm aus dem Fernseher entgegen, die sagte, man müsse die Familie bei alle dem schützen. Genau, Frau Stamm, das hat das Bundesverfassungsgericht ja getan. Und der Hosenanzug? Er schweigt. Und wartet sicherlich darauf, wie sich das Wählerpotenzial entwickelt, um sich dann alternativlos zu äussern.
Freitag, 22. Februar 2013
Literarische Fundstücke (2)
"Unblinking, rather like a great porcelain idol, U Po Kyin gazed out into the fierce sunlight. He was a man of fifty, so fat that for
years he had not risen from his chair without help, and yet shapely
and even beautiful in his grossness; for the Burmese do not sag and
bulge like white men, but grow fat symmetrically, like fruits
swelling. His face was vast, yellow and quite unwrinkled, and his
eyes were tawny. His feet, squat, high-arched feet with the toes
all the same length, were bare, and so was his cropped head, and he
wore one of those vivid Arakanese longyis with green and magenta
checks which the Burmese wear on informal occasions. He was
chewing betel from a lacquered box on the table, and thinking about
his past life."
George Orwell, "Burmese Days", 1934
Donnerstag, 7. Februar 2013
Literarische Fundstücke (1)
"Frei wie die Vögel spazierten die Gedanken über sein Gesicht, sie flatterten in den Augen, setzten sich auf die halbgeöffneten Lippen, versteckten sich in den Stirnfalten und verschwanden schließlich ganz, dann leuchtete das Gesicht in einem warmen, gleichbeibenden Licht der Sorglosigkeit. Vom Gesicht ging die Sorglosigkeit in die Posen des ganzen Körpers über und sogar in die Falten des Schlafrocks."
Iwan Gontscharow, "Oblomow", Hanser-Verlag 2012
Sonntag, 3. Februar 2013
Ist Friede Springer eine Sozialistin?
Was ist nur mit der Welt los? Hat die Sozialdemokratisierung der politischen Landschaft, der allgemeine Linksruck, nun auch den Panzerkreuzer der Reaktion, die "Welt am Sonntag" erreicht? Müssen sich die Leser Sorgen machen, daß künftig als Supplement die "Junge Welt" beiliegt?
Die heutige Welt am Sonntag macht sich Sorgen über eine zugegebenermaßen gut integrierte Randgruppe der Bundesrepublik Deutschland, nämlich über die Bundeskanzlerin. Während sich Peer Steinbrück in den letzten Monaten und Wochen mit seiner Aussage der Bundeskanzler verdiene zu wenig, Schläge und, noch schlimmer, sozialdemokratische Mißachtung eingehandelt hat, titelt die Welt am Sonntag heute sorgenvoll: "4000 EU-Beamte verdienen mehr als Merkel". Also ein durchaus sozialdemokratisches Thema der Ungleichheit bei Geringverdienern.
Noch während ich mein Tränenglas ob dieser erschreckenden Nachricht fülle, lese ich weiter, daß es sich hier um eine Analyse des bekennenden Europäers Cameron handelt, der postuliert, daß damit jetzt Schluß sein müsse. Ob das nun bedeutet, daß die verarmenden Regierungschefs der EU-Länder nun mehr bekommen sollen oder die Beamten weniger, um so oder so die Verhältnisse wieder herzustellen, lässt er dennoch offen. Und wenn man den Artikel vollständig liest, bleibt nichts über als ein gequälter Aufschrei eines Renegaten, der zu Hause nichts mehr reisst - und in der Europäischen Union sowieso nichts. Was aber bleibt, ist die tiefempfundene Sorge der Hosenanzug-Apolegeten, die sich hinter der platten Schlagzeile "Über 4000 EU-Beamte verdienen mehr als Merkel" versammeln. Vielleicht ist es an der Zeit, sammeln zu gehen um dieses Unrecht zu beseitigen. Eine Art "Peterspfennig" der Bundesbürger zu Alimentierung der beliebtesten Kanzlerin aller Zeiten. Das wäre doch eine wahrhaft sozialdemokratische Aufgabe für Friede Springer. Tränendrüse inbegriffen.
Die heutige Welt am Sonntag macht sich Sorgen über eine zugegebenermaßen gut integrierte Randgruppe der Bundesrepublik Deutschland, nämlich über die Bundeskanzlerin. Während sich Peer Steinbrück in den letzten Monaten und Wochen mit seiner Aussage der Bundeskanzler verdiene zu wenig, Schläge und, noch schlimmer, sozialdemokratische Mißachtung eingehandelt hat, titelt die Welt am Sonntag heute sorgenvoll: "4000 EU-Beamte verdienen mehr als Merkel". Also ein durchaus sozialdemokratisches Thema der Ungleichheit bei Geringverdienern.
Noch während ich mein Tränenglas ob dieser erschreckenden Nachricht fülle, lese ich weiter, daß es sich hier um eine Analyse des bekennenden Europäers Cameron handelt, der postuliert, daß damit jetzt Schluß sein müsse. Ob das nun bedeutet, daß die verarmenden Regierungschefs der EU-Länder nun mehr bekommen sollen oder die Beamten weniger, um so oder so die Verhältnisse wieder herzustellen, lässt er dennoch offen. Und wenn man den Artikel vollständig liest, bleibt nichts über als ein gequälter Aufschrei eines Renegaten, der zu Hause nichts mehr reisst - und in der Europäischen Union sowieso nichts. Was aber bleibt, ist die tiefempfundene Sorge der Hosenanzug-Apolegeten, die sich hinter der platten Schlagzeile "Über 4000 EU-Beamte verdienen mehr als Merkel" versammeln. Vielleicht ist es an der Zeit, sammeln zu gehen um dieses Unrecht zu beseitigen. Eine Art "Peterspfennig" der Bundesbürger zu Alimentierung der beliebtesten Kanzlerin aller Zeiten. Das wäre doch eine wahrhaft sozialdemokratische Aufgabe für Friede Springer. Tränendrüse inbegriffen.
Sonntag, 27. Januar 2013
The Wind of Change
Neulich hatte ich ein Erlebnis mit einem Ewiggestrigen. Also, ich meine nicht einen von denen, die den rechten Arm am Oberschenkel festbinden müssen, damit der Lebenslauf durch den Verfassungsschutz geschreddert wird, sondern einen aus der anderen Ecke. Sie wissen schon - 68 und so. Wir sprachen über die Weltpolitik. Global. Galaktisch. Und dann sagte der Ewiggestrige etwas, das mir zu denken gab: Saddam, so sagte er, sei ein böser Diktator gewesen, der die Menschenrechte mit Füßen getreten hätte - und die USA hätten richtig gehandelt, ihn zu beseitigen. Aha, dachte ich mir, offenbar ist der "Wind of Change" doch nicht nur eine Form der Flatulenz gewesen, sondern hat möglicherweise auch zum Aufweichen von Fronten nicht nur in Welt- sondern auch in Gehirnregionen geführt, denn solch altersmilde und leichtfertige Billigung bellizistischer aggessiver Akte des Imperialismus hätte es früher nicht gegeben.
Wir hechelten weiter durch die Welt der Bösen und Diktatoren, über Pinochet (übrigens auch ein 11. September) zu Ahmadinedschad und über eine Betrachtung weiterer Sympathieträger der Weltgeschichte schließlich hin zum "Arabischen Frühling" - um dann dann scharf links abzubiegen, denn: Che und Fidel - das seien keine Diktatoren, schließlich hätten sie das Kubanische Volk von Batista befreit (ein Handlanger der USA übrigens), Gesundheitsversorgung für alle gebracht und Kuba hätte jetzt das beste Gesundheitssystem in Lateinamerika.
Mir drängt sich nun die Frage auf, ob die politische Opposition auf Kuba, die vom Geheimdienst verhafteten, internierten und drangsalierten das wohl genauso sehen würden. Adorno schrieb einmal, es gäbe kein richtiges Leben im falschen. Und das gilt auch für "gute Diktatoren" - bei allem guten Willen. Ita est.
Wir hechelten weiter durch die Welt der Bösen und Diktatoren, über Pinochet (übrigens auch ein 11. September) zu Ahmadinedschad und über eine Betrachtung weiterer Sympathieträger der Weltgeschichte schließlich hin zum "Arabischen Frühling" - um dann dann scharf links abzubiegen, denn: Che und Fidel - das seien keine Diktatoren, schließlich hätten sie das Kubanische Volk von Batista befreit (ein Handlanger der USA übrigens), Gesundheitsversorgung für alle gebracht und Kuba hätte jetzt das beste Gesundheitssystem in Lateinamerika.
Mir drängt sich nun die Frage auf, ob die politische Opposition auf Kuba, die vom Geheimdienst verhafteten, internierten und drangsalierten das wohl genauso sehen würden. Adorno schrieb einmal, es gäbe kein richtiges Leben im falschen. Und das gilt auch für "gute Diktatoren" - bei allem guten Willen. Ita est.
(Adorno, Minima Moralia: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“)
Sonntag, 13. Januar 2013
"Quam paene admonui..."
Ja, ich bekenne: ich bin ein Fitnessstudio-Muffel. Ich bin eine dieser Karteileichen, die die Betreiber der Studios Reich machen. Ehrlich. Ich bewege mich wirklich gerne, auch für Stunden, aber an der frischen Luft. Ich laufe gerne, auch lange Distanzen. Aber an der frischen Luft. Ich fahre gerne Fahrrad. Aber nicht im Studio, sondern an der frischen Luft. Ich mag einfach die klare, frische Luft im Wald, die abgestandene, schweißgeschwängerte Luft im Fitnesssstudio versuche ich zu meiden. Und ich mag den Lärmpegel nicht. Dennoch, gelegentlich versuche ich Abwechslung in meinen sportlichen Ablauf zu bringen und gehe trotzdem hin. Und bereue das normalerweise sofort. Spätestens beim neudeutsch "Check-In" genannten Prozess, der dem Vernehmen nach der Kundenzufriedenheit dienen soll, in Wahrheit einfach nur lästige Prozedur ist. Allerspätestens aber wenn die Gerüche des "Olfaktoriums", vulgo Umkleidekabine, sich den Weg in mein Geruchsverarbeitungszentrum bahnen.
Überhaupt die Gerüche. Im Rahmen meiner sportiven Abwechslungsstrategie wählte ich die Ruderbank, die die hochmögenden Herren der Sporthallen nunmehr direkt an einen "Freestyle-Area" genannten Bereich platziert hatten. In diesem "Quodlibet" bewegen sich nun die Menschen nach einer mir nicht verständlichen Choreographie, während andere Menschen am Rand auf ihren Einsatzbefehl warten. Das Ganze scheint der Unterhaltung der rudernden Bevölkerung zu dienen, also nehme ich das Angebot während ich mich abmühe gerne an. Doch das Verhängnis nahm seinen Lauf - und zwar in Form einer jahreswechselvorsatzüberamibtionierten Dame, deren Aussehen und Form in diametralen Gegensatz zu ihrer ärmelfreien und gewiss seit Jahrhunderten der Waschmaschine entzogenen Sportkleidung stand. Den optischen Terror vergaß ich rudernderweise in dem Moment, in dem sie an mir vorbeilief und die Bilder in meinem Kopf augenblicklich an einem Anschlag auf meine Geruchsnerven scheiterten. Ich versuchte Contenance zu bewahren und nicht von der Ruderbank zu fallen, obwohl sich mein Gesicht ob dieser Eindrücke vermutlich bereits grün verfärbt hatte. Weiterrudern. Ablenken. An etwas anderes denken. Irgendetwas. Irgendetwas. Irgendetwas. Ovid. Also meinetwegen. Ovid.
Ich hatte kürzlich, als ich ein bestimmtes Buch in meiner Bibliothek suchte, zufällig ein Buch von Ovid wiederentdeckt. Es heisst "Ars Amatoria" - Liebeskunst und schildert eindrücklich, wie Mann Frau und wie Frau Mann möglichst effektiv für sich gewinnen kann. Flachlegen, würde man heute wahrscheinlich sagen. Nun, in seinem dritten Buch schreibt er über die Körperpflege: "Beinahe hätte ich euch noch ermahnt: Laßt den Geruch des trotzigen Bocks nicht unter die Achselhöhlen kommen und die Beine nicht von borstigen Härchen rauh sein!". Es ist erstaunlich, wie modern dieser zweitausend Jahre alte Schriftsteller daherkommt. Ich wünschte, dieses Buch wäre Pflichtlektüre in den Fitnessstudios dieser Welt. Aber vielleicht war es auch nur so, daß Ovid dieses Buch selbst in einem Fitnessstudio geschrieben hat - das damals wahrscheinlich noch Gymnasion hieß. Ich weiß es nicht. Wie auch immer, ich werde jetzt ersteinmal wieder durch die frische Luft des Waldes laufen. "Quam paene admonui, ne trux caper iret in alas neve forent dursi aspera cura pilis!"
Überhaupt die Gerüche. Im Rahmen meiner sportiven Abwechslungsstrategie wählte ich die Ruderbank, die die hochmögenden Herren der Sporthallen nunmehr direkt an einen "Freestyle-Area" genannten Bereich platziert hatten. In diesem "Quodlibet" bewegen sich nun die Menschen nach einer mir nicht verständlichen Choreographie, während andere Menschen am Rand auf ihren Einsatzbefehl warten. Das Ganze scheint der Unterhaltung der rudernden Bevölkerung zu dienen, also nehme ich das Angebot während ich mich abmühe gerne an. Doch das Verhängnis nahm seinen Lauf - und zwar in Form einer jahreswechselvorsatzüberamibtionierten Dame, deren Aussehen und Form in diametralen Gegensatz zu ihrer ärmelfreien und gewiss seit Jahrhunderten der Waschmaschine entzogenen Sportkleidung stand. Den optischen Terror vergaß ich rudernderweise in dem Moment, in dem sie an mir vorbeilief und die Bilder in meinem Kopf augenblicklich an einem Anschlag auf meine Geruchsnerven scheiterten. Ich versuchte Contenance zu bewahren und nicht von der Ruderbank zu fallen, obwohl sich mein Gesicht ob dieser Eindrücke vermutlich bereits grün verfärbt hatte. Weiterrudern. Ablenken. An etwas anderes denken. Irgendetwas. Irgendetwas. Irgendetwas. Ovid. Also meinetwegen. Ovid.
Ich hatte kürzlich, als ich ein bestimmtes Buch in meiner Bibliothek suchte, zufällig ein Buch von Ovid wiederentdeckt. Es heisst "Ars Amatoria" - Liebeskunst und schildert eindrücklich, wie Mann Frau und wie Frau Mann möglichst effektiv für sich gewinnen kann. Flachlegen, würde man heute wahrscheinlich sagen. Nun, in seinem dritten Buch schreibt er über die Körperpflege: "Beinahe hätte ich euch noch ermahnt: Laßt den Geruch des trotzigen Bocks nicht unter die Achselhöhlen kommen und die Beine nicht von borstigen Härchen rauh sein!". Es ist erstaunlich, wie modern dieser zweitausend Jahre alte Schriftsteller daherkommt. Ich wünschte, dieses Buch wäre Pflichtlektüre in den Fitnessstudios dieser Welt. Aber vielleicht war es auch nur so, daß Ovid dieses Buch selbst in einem Fitnessstudio geschrieben hat - das damals wahrscheinlich noch Gymnasion hieß. Ich weiß es nicht. Wie auch immer, ich werde jetzt ersteinmal wieder durch die frische Luft des Waldes laufen. "Quam paene admonui, ne trux caper iret in alas neve forent dursi aspera cura pilis!"
Samstag, 12. Januar 2013
Langeweile ist der Reflex auf das objektive Grau. Langeweile ist objektive Verzweiflung.
Die Bundespolitik scheint ein Feld zu sein, das von einem Hosenanzug beherrscht wird, der die politische Landschaft im Wesentlichen entpolitisiert hat und zumindest einen Teil der politischen Kultur in grauem Konsensbrei und langweiligem Wohlfühlgewaber erstickt hat. Die parlamentarische Streitkultur ist verschwunden, obwohl es genug Themen gibt, über die es zu streiten sich lohnt. Das ist sehr schade und ich finde das traurig, denn damit ist der Politik der Unterhaltungswert abhanden gekommen und die Positionen weichen der Beliebigkeit. Aber in solch einem Spiel gibt es nicht nur Schuldige, Täter und Opfer mit klaren Rollen, sondern es tragen auch immer diejenigen einen Teil der Schuld, die sich zum Opfer machen und sich das Heft aus der Hand nehmen lassen. So scheinen die Bundesakteure im Moment im Wesentlichen aus einem Hosenanzug zu bestehen, der zu garnichts etwas sagt und dadurch unangreifbar wirkt, aus dem Kanzlerkandidaten einer Volkspartei, der in den letzten Wochen eher das Gefühl erzeugte, er sei von der derzeit regierenden Partei als primäre Erstschlagwaffe gegen die Sozialdemokratie eingesetzt worden, einem Parteivorsitzenden, der keiner Partei mehr vorsitzt und verstörten Grünen, die nicht so recht wissen, was sie mit dem Kandidaten der nicht mehr so großen Volkspartei anfangen sollen. Und es gibt ein Häuflein von Separatisten aus dem Süden der Republik, die durch die Landschaft irren und vorallem Angst vor dem eigenen Versagen im Herbst haben (siehe auch: Der Separatfrieden von Kreuth von 1976, ein Lehrstück in mehreren Akten). So wirkt im Wahljahr die Bundespolitik auf mich derzeit eher wie der "Danse Macabre" von Saint-Saëns, bei dem die Toten nachts aus ihren Gräbern aufsteigen und Tänze auf dem Friedhof aufführen.
Mein Arzt hat mir neulich gesagt, ich solle mein Herz schonen und mich nicht mehr so aufregen. Aufregen. Warum sollte ich mich über die fortschreitende Entpolitisierung der Politik aufregen. Ich. Mich. Es gab Zeiten, in denen die Maxime galt, daß das Private politisch sei. Vorbei diese Zeiten. Nun gut, man muß mit der Zeit gehen. Also hatte ich gestern die Idee, eine "politische Fastenzeit" zu nehmen, mich einfach jeden politischen Interesses bis zur Bundestagswahl zu enthalten, mich zu "entschlacken". Eine Nulldiät. Ich rege mich nicht mehr auf. Ich bestelle die Zeitungen ab. Ich lese keine Blogs mehr. Ich mache ein Schild an meinen Briefkasten: "Bis nach der Wahl verzogen". Vor allem aber: ich werde mich nicht mehr aufregen. Bis ich politisch so weit abgemagert bin, daß ich dankbar die gut verträgliche intellektuelle Flüssignahrung aufnehmen werde, die man mir nach der Wahl eingeben wird.
Allerdings, jeder, der schon einmal eine Diät versucht hat weiß, daß es gelegentlich zu unkontrollierten Freßattacken kommen kann, in denen man unkontrolliert seinen Kühlschrank leerfrisst. Und "es" dann aus einem herausbricht. Dann werde ich diesen Blog weiterführen. Und mich aufregen. Adorno schrieb in "Kulturkritik und Gesellschaft": „Langeweile ist der Reflex auf das objektive Grau. Langeweile ist objektive Verzweiflung.“ Gut, daß das so ist - denn Verzweiflung lässt sich kanalisieren. Auch im Blog.
Mein Arzt hat mir neulich gesagt, ich solle mein Herz schonen und mich nicht mehr so aufregen. Aufregen. Warum sollte ich mich über die fortschreitende Entpolitisierung der Politik aufregen. Ich. Mich. Es gab Zeiten, in denen die Maxime galt, daß das Private politisch sei. Vorbei diese Zeiten. Nun gut, man muß mit der Zeit gehen. Also hatte ich gestern die Idee, eine "politische Fastenzeit" zu nehmen, mich einfach jeden politischen Interesses bis zur Bundestagswahl zu enthalten, mich zu "entschlacken". Eine Nulldiät. Ich rege mich nicht mehr auf. Ich bestelle die Zeitungen ab. Ich lese keine Blogs mehr. Ich mache ein Schild an meinen Briefkasten: "Bis nach der Wahl verzogen". Vor allem aber: ich werde mich nicht mehr aufregen. Bis ich politisch so weit abgemagert bin, daß ich dankbar die gut verträgliche intellektuelle Flüssignahrung aufnehmen werde, die man mir nach der Wahl eingeben wird.
Allerdings, jeder, der schon einmal eine Diät versucht hat weiß, daß es gelegentlich zu unkontrollierten Freßattacken kommen kann, in denen man unkontrolliert seinen Kühlschrank leerfrisst. Und "es" dann aus einem herausbricht. Dann werde ich diesen Blog weiterführen. Und mich aufregen. Adorno schrieb in "Kulturkritik und Gesellschaft": „Langeweile ist der Reflex auf das objektive Grau. Langeweile ist objektive Verzweiflung.“ Gut, daß das so ist - denn Verzweiflung lässt sich kanalisieren. Auch im Blog.
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